Sun’n Sea

Sun’n Sea betrachtete sich im Spiegel. Ihr Haut hatte einen goldbraunen Schimmer angenommen, die kleinen Fältchen um ihre blauen Augen zeigten winzige letzte weiße Spuren. Seit zwei Monaten lebte sie nun am Meer, sie hatte sich so sehr danach gesehnt, die Gischt zu hören, die Gezeiten zu beobachten, dem Lachen der Möwen zu lauschen, das Salz und die Sonnencreme auf ihrer Haut zu riechen. Hier war sie nun, hatte ihr Leben einfach umgekrempelt und ihren eigentlichen Namen durcheinandergewirbelt. Aus der verfolgten Susanne war Sun’n Sea geworden. Die Sonne und die See. Sie wich von ihrem Spiegelbild ab, stieg die kleinen Stufen empor und legte sich an Deck. Die Sonne brannte in ihrem Gesicht, auf ihrem Körper, in ihrem Nabel. Nur die Meeresbrise machte die Mittelmeerhitze erträglich.

Sun’n Sea lauschte. Ob er wohl noch da draußen war? Angestrengt versuchte sie, das Plätschern der Wellen zu ignorieren. Nein, er war nicht mehr zu hören. Kein Hilferuf mehr, kein Fluchen, kein Gurgeln. Er hatte es nicht geschafft, dieses Mal nicht. Sie entspannte sich. Endlich war sie frei.

Das Meer: ihr Retter, sein Grab.

Fuchs im Glück

Ein frischer, grauer Morgen, der Wald roch nach seinem Holz. Unter den Stiefeln knirschten Rollsplit und der letzte Schnee. Der Enkel beobachtete seinen Großvater, blickte dann in den Wald hinein, glaubte, einen Pilz zu sehen. Nein, doch nur ein welkes, gelbes Blatt. Wieder sah er zum Großvater, der trotz seines schwachen Herzens aufrecht und beschwingt den steilen Forstweg hinauf stapfte. Sein Rücken war von einem grünen Rucksack bedeckt, sein Jagdgewehr, eine Bockflinte, lag geknickt über seiner Schulter. Fast zärtlich trippelten die alten Hände über den silbrig glänzenden Lauf. Der Großvater drehte sich um, zeigte seinem Enkel an, still zu sein und leise zu gehen. Dann tippte er sich an die Nase und raunte:

„Ich kann ihn schon riechen, den Fuchs.“

Vorsichtig schob er einige Äste beiseite und bahnte sich den Weg durch die Tannen zum Hochsitz. Er ließ seinen Enkel vorgehen, geschickt stieg der Bub die Leiter hinauf. Der Großvater folgte ihm schwer atmend, setzte sich mit einem Ächzen hin und packte einen Kanten Speck aus dem Rucksack. Er schnitt eine Scheibe davon ab und schmiss sie in hohem Bogen vom Hochsitz in den Wald.

„Für den Fuchs.“

Zwei Stunden vergingen, der Tag brach an und die Nebel lichteten sich. Der Enkel legte das Fernglas beiseite, sah zu seinem Großvater hinauf, dieser hatte die Augen geschlossen. Ein Rascheln ließ den Enkel aufmerksam werden, erneut nahm er das Fernglas auf und sah erst den roten Körper des Fuchses, dann seinen langen, buschigen Schweif.

„Großvater, der Fuchs!“

Doch der Großvater hörte ihn nicht mehr. Seine groben, schwieligen Hände lagen ruhig auf der Flinte, der alte Mann war still. Der Fuchs sah auf, kreuzte den Blick des erschrockenen Enkels und bedankte sich für sein Glück. Und den Speck.

 

Was für ein herrlich frischer Morgen,

überall Tröpfchen frischen Taus

möcht‘ mir nun zu Fressen besorgen,

vielleicht find ich ja eine Maus.

 

Seh ich richtig, kommt von unten

herauf vom Weg der Jägersmann?

Ach, er wandert wieder Stunden

den Weg hinauf zur alten Tann‘.

 

Auch der Bube ist dabei,

geht mit dem Opa auf die Pirsch.

Blind laufen sie an mir vorbei,

besser wär’s, sie jagten einen Hirsch.

 

Fuchs, du hast die Gans gestohlen,

gib sie wieder her.

das singt geheim der Jägermeister

Mit dem Schießgewehr.

 

Der Jäger denkt, er sei gewitzt,

mit der Flinte er da oben sitzt.

Mich ködern will er mit dem Speck,

sein Herz versagt… und ich bin weg!