Das Geheimnis des alten Sekretärs

Teil I

Heute Morgen stand der Sekretär vor meinem Geschäft, vom heftigen Regen ganz nass und verdreckt. Laub klebte an seinen Beinen, auch ein Zigarettenstummel. Alt war er, er stammte sicher aus dem neunzehnten Jahrhundert. Aus Eichenholz, dunkel, schwer, mit schwarzem Schmiedeeisen verziert, zwölf Schubladen, zehn über der Schreibfläche und zwei darunter. Aus edlem Holz gefertigt, er hatte nur ein paar Scharten in seinem langen Leben davongetragen.

Zunächst war ich bestürzt. Statt unser Geschäft zu kontaktieren hatte man den alten Herrn einfach vor unserer Ladentür abgestellt und wie einen lästigen Hund ausgesetzt. Wer tat so etwas? Stand denn nicht groß an der Ladentür unser Name „Antiquitäten Federspiel – Abholservice“? Warum überließ man uns nicht einfach die Arbeit und schonte damit die guten, alten Dinge? Ich streichelte kurz über sein nasses Holz und sah mich um, doch ich konnte keinen verdächtigen Lieferwagen entdecken. Auch stand an der Passeierpromenade in Meran keine einzige Person, die neugierig oder verschämt zu unserem Antiquitätenladen herüberlugte

. Mir fiel auf, dass ich mit dem alten Sekretär völlig allein war. Es passierte selten, dass morgens um sieben Uhr kein Mensch über die Promenade lief. Ich betrachtete den alten Herrn noch einmal und suchte nach einem Taschentuch, um ihm die Regentropfen von den Schublädchen zu wischen. Es war, als würde ich seine Tränen wegtupfen, die er in diesen einsamen Stunden vor unserem Geschäft geweint hatte. Als ich mich wieder umdrehte, war die Straße plötzlich belebt. Vielleicht war die Zeit einfach nur einen Moment lang für uns beide stehengeblieben.

Ich musste mich an ihm vorbeizwängen, um die Ladentür aufschließen zu können. „Haben Sie keine Angst“, sagte ich in Gedanken zu ihm, „Gleich bringe ich Sie ins Trockene.“ Dann rief ich meinen Mann an, um ihm von meinem unverhofften Gast zu berichten. Er sollte Ludwig, unseren Sohn schicken, damit er mir dabei half, den Sekretär ins Geschäft zu wuchten. Mein Mann versicherte mir, dass sie in weniger als einer halben Stunde bei mir sein würden. Ich beschloss, in dieser Zeit bei ihm zu bleiben und ihn so gut wie möglich zu trocknen. Dann, sobald er hinten im Lager stehen würde, wollte ich sein Holz mit Wachs behandeln und ihn polieren, damit er bald wieder wie neu glänzte. Und dann versprach ich ihm, ihn nicht zu verkaufen, auch wenn mein Mann damit sicher nicht einverstanden sein würde.

Zweiundzwanzig Minuten verbrachte ich mit dem alten Sekretär und verbrauchte fünf Lappen, bis er endlich nicht mehr aus seinen Falten tropfte. Ich stellte mir dabei vor, wie sein Leben verlaufen war. Wie oft er vererbt worden war, in wie vielen Kellern er gestanden hatte. Wie oft jemand an ihm gesessen hatte, um zu schreiben. Ob Kinder an ihm gespielt hatten. Sein Leben lief an mir vorbei wie in einem kitschigen Schwarzweißfilm. Immer wieder streichelte ich über seine Ecken und die eisernen Scharniere und merkte nicht, wie ich mich innerhalb kürzester Zeit in ein zweihundert Jahre altes Möbelstück verliebt hatte.

 

Teil II

Ludwig und Gerhard fluchten leise und ächzten laut, als sie den schweren Sekretär ins Lager brachten. Gerhard fragte mich aus, ob ich denn wirklich niemanden gesehen hatte und von wem der Tisch denn nun stammen könne. Ich beteuerte meine Unwissenheit und bat ihn, sich heute Vormittag um die Kunden zu kümmern, ich würde ihn auf Vordermann bringen. Und ihn nicht verkaufen, doch diesen Gedanken sprach ich nicht aus. Gerhard kannte mich gut genug, um zu verstehen, dass dieser Sekretär bereits seit der ersten gemeinsamen Minute mir gehörte. Gerne, Elisabeth, sagte er, gab mir ein Küsschen und ließ mich mit meinem neuen Freund allein. Ich begann, vorsichtig seine Schubladen zu öffnen und zu säubern. Schublade Nummer eins bis elf waren leer, bis auf ein paar Staubkrümel befand sich nichts darin. In Schublade Nummer zwölf fand ich einen verschlossenen Brief, der von einer Frau Unterholzer an einen gewissen Herrn Oberberger gerichtet war. Beim Öffnen des Briefes kollerte ein silberner Ring in meine Hand. Ich legte ihn zurück in die Schublade, in der der alte Herr sein Geheimnis bewahrt hatte. Dann begann ich, mich in das Leben der anderen einzumischen. Ich las die Zeilen, die Frau Unterholzer an Herrn Oberberger vor über fünfzig Jahren geschrieben hatte.

Lieber Josef,

es fällt mir nicht leicht, dir diese Zeilen zu schreiben.

Du liebst mich, hast du gesagt. Und dass du mich heiraten willst. Ich habe so lange darüber nachgedacht, so viele Nächte wachgelegen, mich im Bett hin- und hergewälzt. Ich habe mir unser gemeinsames Leben ausgemalt und mir vorgestellt, Kinder mit dir zu haben. Mit dir zu verreisen, romantische Nächte mit dir zu verbringen und dir in schlechten Zeiten beizustehen. Ich habe es wirklich versucht, Josef, glaub mir. Doch es ist mir nicht gelungen. Ich kann es nicht, ich kann dich nicht heiraten. Noch nicht. Ich werde von hier weggehen und dir den Ring zurückschicken. Nenn mich einen Feigling, doch ich bringe den Mut nicht auf, ihn dir persönlich wieder zu geben. Wer weiß, vielleicht führt uns das Schicksal ja doch noch einmal zusammen.

In Liebe, deine Martha. Ich werde dich nie vergessen.

 

Ich musste mich setzen. Ich nahm den Ring aus der Schublade und wärmte ihn mit meiner Hand. Er war nie getragen worden. Martha Unterholzer hatte ihn mit dem Brief in den Sekretär gelegt und dann nie versendet. Was war aus ihr geworden, und was aus Josef Oberberger? War sie einfach abgereist und hatte ihn unwissend verlassen? War Josef nun genauso einsam wie dieser alte Sekretär? Wer hatte seine Tränen getrocknet? Oder hatte das Schicksal sie doch noch einmal zusammengeführt, so wie Martha es prophezeit hatte?

 

Teil III

Herrn Oberbergers damalige Adresse zu finden, war einfach, sie stand auf dem Brief. Normalerweise bin ich kein besonders spontaner Mensch, ich lebe ein geregeltes Leben mit festen Uhrzeiten, doch an diesem Tag verließ ich um Punkt elf Uhr das Geschäft, um Herrn Oberberger oder Frau Unterholzer zu finden. Ich wollte sie nicht überrumpeln, doch ich musste wissen, ob die beiden wieder zueinander gefunden hatten oder nicht. Ihr Schicksal, das Leben zweier wildfremder Menschen, ließ mir plötzlich keine Ruhe mehr.

Keine dreißig Minuten später befand ich mich vor einem wunderschönen, kleinen Haus mit Garten am Rand von Sinich. Der Regen hatte aufgehört und die Sommerhitze kehrte dampfend zurück. Das Gartentor war verschlossen, die Fensterläden ebenso. Ich suchte nach einem Klingelschild, doch der Josef Oberbergers Name stand nicht darauf. Er wohnte nicht mehr hier. Ich betrachtete die hohen, glänzenden Rosenstöcke, strich vorsichtig über eine Blüte und setzte mich zurück ins Auto. Ich betrachtete kurz mein enttäuschtes Gesicht im Rückspiegel. Was ging mich das Schicksal der beiden eigentlich an, rügte ich mich und fuhr weiter zu Martha Unterholzers Adresse. Um zwölf Uhr fünfzehn musste ich feststellen, dass ihr Haus nicht einmal mehr existierte.

Es fiel mir schwer, unverrichteter Dinge ins Geschäft zurückzufahren. Ich fühlte mich nutzlos, dabei wartete mein Mann seit Stunden auf mich und meine Unterstützung. Ich hatte ihn einfach mit dem Laden und den Kunden allein gelassen, das hatte ich noch nie getan. Und dann auch noch, ohne ihm eine Erklärung für meine plötzliche Abwesenheit zu geben – wirklich nicht der Stil einer Elisabeth Federspiel. Nun gesellte sich zum Gefühl der Nutzlosigkeit auch noch das schlechte Gewissen. Es war kein guter Tag heute, wirklich nicht, beschloss ich und parkte meinen Wagen.

An diesem Abend kam ich nicht zur Ruhe. Ich versuchte, um die gewohnte Uhrzeit, also pünktlich um zehn Uhr fünfunddreißig, ins Bett zu gehen, doch der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Stattdessen quälten mich Gedanken: der alte, weinende Sekretär, der jungfräuliche Ring, der Brief einer Frau, der verlassene Mann. Ich lauschte dem leisen Schnarchen meines Mannes und legte mir den Satz zurecht, mit dem ich ihm erklären wollte, dass der Sekretär nicht verkauft werden durfte, auch weil er und Ludwig ihn bereits wieder in den Laden geschoben hatten. Als ich nachts um eins noch immer nicht schlafen konnte, setzte ich mich an den Computer, um nach Martha und Josef zu suchen. Um drei Uhr und sieben Minuten gab ich mich geschlagen: die beiden existierten einfach nicht. Es handelte sich wohl um zwei zu gewöhnliche Menschen.

 

Teil IV

Ich verbrachte den Dienstag, den Mittwoch und auch den gesamten Donnerstag im Antiquitätengeschäft und gab mir größte Mühe, den alten Sekretär nicht zu verkaufen. Mein Mann hatte seinen Wert auf mehrere tausend Euro geschätzt und mir streng ins Gewissen geredet, ihn unbedingt zu verkaufen. Mein Mann und ich waren selten anderer Meinung, doch hierüber gerieten wir fast in Streit. Ich war beleidigt und sprach nur das Nötigste mit ihm. Den Kunden führte ich alle Stücke vor und ging nicht einmal auf den alten Herrn ein. Von meinem Mann erntete ich einen Strauß böser Blicke.

Am Donnerstagabend um sieben vor sieben betrat eine ältere Dame unseren Laden. Ihren Schoßhund hatte sie vor der Tür gelassen, er döste in der Abendsonne. Sie fächerte sich Luft zu und begrüßte mich und meinen Mann freundlich. Dann betrachtete sie ein Bild, dass schon seit Jahren an unserer Wand hing.

Sie fragte nach dem Künstler und ließ sich von mir beraten. Sie lauschte meinen Worten aufmerksam, dann plötzlich schien sie abgelenkt. Sie sah mich nicht mehr an, ihr Blick wanderte hinter meinen Rücken, dann füllten sich ihre alten Augen mit Tränen. Ich sah sie fragend an, sie fasste sich an ihr Herz und ich befürchtete schon, die Hitze habe ihr zugesetzt. Ich bat ihr einen Stuhl an, doch sie winkte ab. Mit langsamen Schritten ging sie auf den Sekretär zu und hielt sich an seiner Schreibfläche fest. Eine Träne landete auf seinem alten, dunklen Holz.

Sie erklärte mir mit gebrochener Stimme, dass sie diesen Tisch einst von ihren Großeltern geerbt hatte. Als sie sich als junge Frau entschlossen hatte, das Land für eine Weile zu verlassen, hatte sie ihn schweren Herzens und für teures Geld verkaufen müssen. Sie hatte um ihn getrauert, ihn so sehr geliebt. Es war, als hätte sie ein Stück ihres Herzens verkauft.

Ich reichte der alten Dame kurzerhand den Arm und bat sie, einen Kaffee mit mir zu trinken. Gleich neben dem Geschäft, in der kleinen Bar an der Promenade. Sie willigte ein und wir setzten uns an einen Tisch. Aus meiner Tasche holte ich den Ring und den Brief und entschuldigte mich bei ihr, dass ich das Briefgeheimnis verletzt hatte. Sie verzieh und dankte mir. Dann nahm sie den Ring an sich und streifte ihn über ihren linken Ringfinger. „Wie schön er glänzt“, sagte Martha und küsste ihn zärtlich.

Martha erzählte mir ihre Geschichte und von der Liebe zu Josef Oberberger. Das Schicksal hatte sie nicht mehr zusammengeführt. „Ich wünsche mir nur, dass er glücklich geworden ist“, sagte sie leise und trank ihren Kaffee. „Darf ich mich noch von dem alten Sekretär verabschieden?“, fragte sie. „Selbstverständlich“, antwortete ich und betrat mit Martha das Geschäft, in dem mein Mann gerade einem Kunden die Hand gab, um ihn zu verabschieden.

„Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Herr Oberberger“, sagte mein Mann zu ihm, „Ich werde mich um die Möbel kümmern. Noch einmal mein herzliches Beileid. Sie werden sehen, alles wird gut werden.“

 

Lesetermine im Herbst 2019

Auf in eine neue Leserunde!

Termine im Herbst 2019 sind:

30. September 19:30 Uhr Schloss Pienzenau bei Meran (Italien, Südtirol)

https://www.athesia-tappeiner.com/de/veranstaltungen/autorenlesung-kaltes-weiss-0

 

21. Oktober 19:00 Uhr Bibliothek Martell (Italien, Südtirol)

 

27. Oktober 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr Bücherflohmarkt Ichenheim (Deutschland)

https://www.kulturverein-ichenheim.de/veranstaltungen.html

Lesetermine im Mai 2019!

 

10. Mai 2019: Café lettera 7, Leifers, 20:00 Uhr

24. Mai 2019: Athesia Buchhandlung Filiale Meran, 19:30 Uhr

31. Mai 2019: Cafè Riesen, Bozen, 20:00 Uhr

 

Kennen Sie eigentlich Ferdinand Gufler aus Südtirol? Den Jungen aus dem Vinschgau mit dem steifen Bein, der ewig die Deutsche liebte, die er selbst ins Verderben geschickt hat? Aufgewachsen ist er zumeist im hinteren Martelltal bei den Schildbauern, dem sturen Franz und seiner traurigen Frau Else, der der versprochene Ehemann durch die Lappen gegangen ist…

 

Kaltes Weiss – ein Heimatthriller

Ferdinand streckte sich, drückte den Rücken durch und setzte sich dann wieder kerzengerade auf den Besucherstuhl. Sein Blick wanderte durch das weiße Zimmer. Die kahle Wand wurde von einem schmutzigen Fenster unterbrochen. In der linken Ecke des Zimmers, also genau hinter ihm, hing ein Fernseher. Sein Nutzen war Ferdinand allerdings unklar, schließlich schaltete sein Vater ihn ja nie ein. Wie denn auch, er konnte ja nicht einmal die Finger bewegen, um die Fernbedienung zu benutzen, geschweige denn fernsehen oder zuhören.

Über dem Bett hing ein kleines hölzernes Kruzifix. Ferdinands Blick blieb daran hängen. Er sah Jesus mit der Dornenkrone und den Stigmata einige Minuten lang an. Sein bärtiges Gesicht war leidend, schicksalsergeben, dennoch weinte der Gekreuzigte nicht. Seine Hände und Füße bluteten, die Rippen hoben sich von seinem mageren Körper ab. Unter den Rippen sah man die Wunden, die man ihm mit den Lanzen in den Leib gestoßen hatte, um zu sehen, ob er noch lebte.

Ferdinand mochte das Kruzifix nicht. Vor einigen Wochen, als man seinen Vater hierhergebracht hatte, hatte Ferdinand beim Anblick des hölzernen Jesus Hoffnung geschöpft. Er hatte gedacht, nun ist er bei meinem Papi, er wird ihm schon wieder auf die Beine helfen, er und die Ärzte werden es schon richten. Es würde schon alles wieder gut werden. Doch nichts wurde gut, egal, wie oft er Jesus am Kreuze um Hilfe gebeten hatte. Erst hatte er ihn ganz leise und vorsichtig angesprochen und ein kleines Gebet aufgesagt. Er hatte geflüstert, weil er sich ein wenig geschämt hatte. Dann, als tagelang nichts passiert war, hatte er ihn angefleht. Er hatte geweint, hatte ihn wieder und wieder gefragt, wie er denn bloß seinem Vater helfen könne, doch Jesus hatte stets geschwiegen. Dann hatte Ferdinand die Wut gepackt und er hatte ihn angeschrien, er solle ihm endlich eine Antwort oder ein Zeichen geben, doch nichts war geschehen. Jesus hatte einfach nur weiter da oben an seinem Kreuz gehangen und Ferdinand hatte versucht, ihn zu strafen, indem er ihn nicht einmal mehr beachtete, wenn er ins Zimmer kam.

Jetzt verengten sich seine Augen und er ließ vom Kruzifix ab. Er drehte den Kopf, stand langsam auf und ging zum Fenster. Dieser ewige Schnee, er hörte einfach nicht auf. Immer noch fielen die Flocken dick und nass vom wolkenverhangenen Himmel und glitzerten im Schein der Straßenlampen, die den Parkplatz erhellten. Ferdinand mochte auch den Schnee nicht mehr, genau wie Jesus.

Früher einmal, da hatte er den Schnee geliebt. Sein ruhiges Weiß, die Kälte und die Stille, die er brachte, hatten ihm stets ein Gefühl der Geborgenheit gegeben. Doch nun hatte sich auch der Schnee als falscher Freund entpuppt und ihm das Liebste genommen. Eine Lawine war vor einem knappen Monat abgegangen und hatte seine Mutter erstickt und nahezu alle Knochen ihres schmalen Körpers zerbrochen. Man hatte sie geborgen, ihr Leben hing noch an einem seidenen Faden. Sie war ins Krankenhaus gebracht worden und dann auf dem Operationstisch ihren schlimmen Verletzungen erlegen.

Ferdinand sah sie immer wieder vor sich, wie sie auf dem Totenbett gelegen hatte, ihre schwarzen Haare, die sie sonst als Zopf trug, lagen offen auf dem Kissen. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesicht weißer als der Schnee. Ihre feinen, schwarzen Wimpern hatten sich keinen Millimeter bewegt. Überall hatte sie dunkle Flecken gehabt, im Gesicht, am Hals, auf den Armen. Als er ihr einen Kuss auf die Stirn geben wollte, hatte sich ihre Haut ganz kalt angefühlt, die Wärme war schon Stunden zuvor aus ihrem zierlichen Körper gewichen. Er hatte sie sanft an den Schultern gepackt, Ferdinand hatte einfach nicht verstanden, dass sie tot war. Er begriff nicht, dass sie ihre Seele am Berg gelassen hatte, dass er nun keine Mutter mehr hatte. Er hatte sie bei den Oberarmen genommen und kräftig geschüttelt, doch der Körper seiner Mutter war starr liegen geblieben.

Er hatte seine Großmutter um Hilfe gebeten, doch diese hatte nur mit Schluchzen und einem Vaterunser reagiert. Ferdinand war wütend geworden, schreiend war er aus dem Zimmer gelaufen, hatte geflucht und die Ärztin angerempelt. Ein Pfleger war hinzugekommen, dann hatte der Großvater ihm eine ordentliche Ohrfeige gegeben und ihn an sich gezogen. Erst in diesem Moment hatte Ferdinand begriffen, dass seine Mutter Marie nicht mehr mit ihnen nach Hause kommen würde. Daraufhin hatte er sich zitternd auf einen Besucherstuhl gesetzt und eine halbe Stunde vor sich hingestarrt, bis sie endlich kamen, die erlösenden Tränen. Der Pfarrer, die Großeltern und die Ärztin hatten neben ihm gesessen, bis er sich wieder gefangen hatte.

Ferdinands Vater Reinhold hatte den Lawinenabgang im hinteren Martelltal überlebt. Er hatte es geschafft, in der Lawine zu schwimmen und an ihrer Oberfläche zu bleiben. Er wusste, wie man sich zu bewegen hatte und dass man vor dem Gesicht einen Hohlraum mit den Händen bilden musste, um sich wenigstens ein paar Minuten Sauerstoff zu sichern. Doch trotz seiner Geistesgegenwart und allen Geschicks war es ihm nicht gelungen, bei Bewusstsein zu bleiben. Man hatte ihn schließlich kopfüber im Lawinenkegel gefunden, er war ohnmächtig, die Lawine hatte seine Gliedmaßen verdreht. Mit dem Hubschrauber wurde er ins Krankenhaus nach Schlanders gebracht, wo man ein schlimmes Schädel-Hirn-Trauma festgestellt hatte.

Zwei Wochen lang hatte er im Koma gelegen, dann hatte er einen Moment lang das Bewusstsein wiedererlangt, die Familie und die Ärzte hatten Hoffnung geschöpft, doch was dann folgte, war schlimmer als der dauernde Schlaf. Ferdinands Vater hatte schlimme Schmerzen und wenn er nicht gerade vor sich hindämmerte, verkrampften sich seine Glieder und sein Gesicht. Er litt unter Fieberschüben und schaffte es oft kaum zu atmen, er röchelte und manchmal weinte er sogar dicke Tränen, die sein Kissen durchnässten. Die Ärztin hatte Ferdinand erklärt, dass diese Tränen von der Verletzung seines Gehirns herrührten, doch Ferdinand war sich sicher, dass Reinhold vor Schmerzen und aus Trauer um Marie weinte. Die Mediziner wussten nicht weiter, sie hatten ihn untersucht, wo sie nur konnten, die verschiedensten Arzneien ausprobiert, aber nichts schien zu helfen. Sein Körper hatte unter der Last der Lawine einen zu großen Schaden genommen, zu lange hatte seinem Gehirn der nötige Sauerstoff gefehlt.

Mit jeder Flocke, die vom Himmel fiel, wuchs Ferdinands Zorn auf den Schnee.

 

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Manchmal liegt das Glück der Welt in einer Salatschüssel

Ein ganz normaler Freitagabend, wir kommen müde von der Arbeit nach Hause. Wir möchten uns nur noch von den Strapazen der Woche erholen und auf das sonnige Wochenende freuen. Der Frühling ist da, die kalten Tage sind vorbei, den Schneesturm und das Missverständnis am Rittner Horn haben wir längst vergessen. Endlich ist es warm, sonnig, morgen geht es los, wir werden an den See fahren und uns in die Sonne legen. Frühlingsgefühle, die Sonne wärmt unsere verliebten Seelen.

Ein Kuss auf die Stirn, dein Tag war nicht einfach, meiner auch nicht. Schwierigkeiten bei der Arbeit, mein Chef hat mir den Kopf gewaschen, dein Firmenauto wollte wieder einmal nicht anspringen. Und dann noch der Strafzettel, wegen ein paar Stundenkilometern über der Geschwindigkeitsgrenze. Es gibt schlimmeres, sage ich dir und erzähle dir von meinen Problemen mit der Versicherung und dass mir heute Morgen meine Lieblingstasse beim Abspülen zu Bruch gegangen ist.

Die Weltsorgen im Fernsehen vertreiben einen Moment lang unsere eigenen und machen sie fast unscheinbar. Großbritannien steckt in der Krise und kann sich nicht entscheiden, ob es dazugehören will oder nicht. Ein Mädchen schwänzt die Schule, protestiert gegen den Klimawandel und wird über Nacht zum Weltstar. Ich setze mich zu dir aufs Sofa und lehne meinen Kopf an deine breite Schulter. Du streichelst mich sanft mit deiner rauen Hand und schaltest die Weltprobleme mit dem roten Knopf auf der Fernbedienung aus. Plötzlich sind sie weg, wir sind wieder allein mit unseren eigenen.

Dein Magen knurrt, meiner auch. Hunger, kein Wunder, Frühstück und Mittagessen sind lange her und zwischendurch haben wir geschuftet und die Probleme anderer gelöst. Energieverbrauch auf höchster Ebene. Ich gehe an den Kühlschrank, leere ihn und stelle den Inhalt auf den Tisch, genau wie jeden Abend. Routine, einerseits, ein Festmahl, weil du dabei bist. Allein essen ist nicht schön, ich höre lieber dein leises Schmatzen als mein eigenes.

Wir essen gerne Salat, sind genügsam wie zwei Häschen. Mein Haushalt ist spartanisch, ich gebe mein Geld lieber für vernünftige Dinge wie Kleider und Schuhe aus. Ich habe einen Plastikbehälter, in den Salat für zwei hineinpasst. Das Ding ist alt und ein wenig unansehnlich, merke ich und spüle ihn noch einmal aus, bevor ich die grünen Blätter hineingebe.

„Vielleicht wäre eine Salatschüssel ja doch besser“, murmele ich vor mich hin.

„Ich habe doch damals extra eine für dich gekauft“, antwortest du und küsst mich beim Tomatenschneiden.

„Ich dachte, die war für dich“, sage ich und übertreibe es mit dem Salz.

„Nein, ich hatte sie für dich mitgenommen, weißt du noch, als wir zum ersten Mal miteinander eingekauft haben?“, erklärst du mir und stibitzt eine Olive aus der Plastikschüssel.

„Die aus dem schönen Glas, die so teuer war? Meinst du die? Und ich habe immer gedacht, dass du deinen Haushalt damit aufwerten wolltest… du hast mir nie gesagt, dass sie für mich ist…“

Auf einmal verschwinden sie, die kleinen und großen Probleme um uns herum. Wen kümmern schon der Brexit und der schwierige Chef, der Klimawandel und ein Strafzettel, wenn er das Glück der Welt in einer Salatschüssel wiederfindet?

Woran denkst du?

Ich kenne dich schon eine Weile, doch längst nicht lange. Du bist mir nicht mehr fremd, die Vertrautheit ist bereits da. Sie hat sich wie eine weiche Decke auf uns gelegt, wir wärmen uns an ihr, Nacht für Nacht, Tag für Tag.

Manchmal glaube ich, deinem Blick Worte zu entnehmen, ohne dass du sie aussprechen musst. Und doch frage ich dich, was du denkst, schließlich könnte ich mich ja irren und deinen Blick falsch deuten. Noch selten habe ich deinen Gedanken erraten.

Du überraschst mich, immer und immer wieder. Manchmal glaube ich, dich zu kennen; dann machst du mir plötzlich ein unerwartetes Geschenk: eine liebevolle Geste, ein sanftes Wort, eine zärtliche Berührung. Ich kann mich nicht an dich gewöhnen. Wenn du zu mir kommst, kribbelt es im Magen. Wenn du bei mir bist, füllt sich die Leere. Wenn du gehst, entsteht Sehnsucht. Wenn du weg bist, sind die Tage und Nächte zu lang.

Oft habe ich Angst. Die Vorstellung, ohne dich zu sein, ist verheerend. Ich kann es mir nicht vorstellen, ein Leben ohne dich. Ich klopfe auf den leeren Stuhl und biete ihn dir an, den Platz in meinem Leben. Komm her, sage ich, bleib bei mir. Wenn du möchtest, für immer.

Du sitzt neben mir, im Restaurant, und legst deine große Hand auf meine. Sie verschwindet unter deiner. Deine Hand ist wie ein Zuhause, du schützt und wärmst mich. Ich lächle dich an, du antwortest mit strahlenden Augen. Woran du wohl gerade denkst?, frage ich mich und dich.

An dich, sagst du und streichelst mir sanft über die Wange. Sofort werden meine Finger kalt, ich nehme deine Hand und drücke sie. Lass mich nie wieder los, flehe ich, ohne es auszusprechen. Nimm mir dieses Glück nie wieder weg.

Am Nebentisch sitzt ein altes Paar. Sie sprechen nicht miteinander. Die Wangen der Frau sind eingefallen, ihr graues Haar ist zu einem strengen Zopf geflochten. Ihr Mann blickt starr auf seinen roten Wein, trinkt aber nicht. Gemeinsam sind sie sicher über hundertsechzig Jahre alt, was für eine lange Zeit. Eine starke Liebe, unsere steckt noch in den Kinderschuhen.

Ich küsse dich und lasse, wenn auch ungern, von dir ab. Ich denke an den heutigen Tag, unseren Ausflug in der Wintersonne, an diese wundervollen Stunden, die wir gemeinsam verbracht haben. Ich denke an unsere Worte, an unser Lachen, an die stillen Momente im Schnee. Dann betrachte ich noch einmal die beiden alten Leute am Nebentisch und frage mich, ob auch wir gemeinsam über hundertsechzig Jahre alt werden. Plötzlich regt sich das Gesicht der alten Frau, sie dreht vorsichtig den Kopf zu ihrem Mann, legt ihre faltige Hand auf seine und fragt so leise, dass ich sie kaum verstehen kann: Woran denkst du gerade? Er lächelt, hebt seine Hand und streicht seiner Frau über die Wange. An dich, antwortet er, woran denn sonst?

Es ist doch nur eine Nacht

Es ist doch nur eine Nacht, denke ich, drehe mich noch einmal zu dir um und lächle. Deine Augen verengen sich, blitzen in der Abendsonne, ein letzter Kuss, dann steigst du in dein Auto. Ich sehe dir nach, wie du davonfährst, abbiegst, dich von mir entfernst. Nur eine Nacht, nur ein paar Stunden, die können mir doch nichts anhaben. Du hast zu tun, ich habe zu tun, man soll sich schließlich nicht aneinander ketten, man muss sich auch mal gehen lassen. Natürlich lasse ich dich gehen, schließlich besitze ich dich nicht. Ich liebe dich, und was man liebt, lässt man frei. Freiheit tut gut, unser Vertrauen ineinander erlaubt uns diese Freiheit. Liebe schenken, Freiheit schenken, das haben wir uns versprochen.

Es tut gut, den anderen gehen zu lassen und selbst gehen zu dürfen. Eigene Wege einschlagen zu dürfen, sich entfalten zu dürfen und diese Erfahrung dann miteinander zu teilen. Die Liebe ist kein Gefängnis, sie soll uns bereichern, nicht einengen. Wer liebt, soll vor Glück schreien wollen, auch wenn man es dann nur ganz leise tut. Oft entfährt mir so ein kleiner Glücksschrei, wenn ich dich spüre, dich schmecke, oder einfach nur an dich denke.

Ich bin stehen geblieben, du bist längst nicht mehr auf meiner Straße. Ich stehe am Straßenrand, Autos hupen und ihre Fahrer fragen mit Gesten, ob ich nicht endlich über den Zebrastreifen gehen will. Nein, ich schüttle den Kopf, ich werde dich nicht verfolgen. Ich lasse dich gehen und warte, bis du zurückkommst. Schließlich ist es nur eine Nacht.

Ich wende mich ab und gehe nach Hause. Ich schließe die Wohnungstür auf, dein Geruch, unser Geruch empfängt mich. Ich sehe deine Kleidung auf meinem Bett, deine Tasse mit dem Kaffee von heute Morgen steht in der Spüle. Deine Spuren sind hier, die Krümel vom Frühstück, die Kissen mit deinem Kopfabdruck auf dem Sofa, deine Schuhe in der Ecke. Deine Zahnbürste, der Geruch nach deinem Duschgel im Bad. Es ist nur eine Nacht, sage ich leise und ziehe dein T-Shirt an, obwohl ich darin versinke.

Ich liege im Bett und denke an dich. Ich denke an unsere gemeinsame Vergangenheit, an unsere Zukunft. An den nächsten Tag, wenn du zurückkommst, nach dieser einen Nacht. Ich drehe mich zu der Seite, auf der du immer schläfst. Ich vermisse deinen Atem, die Wärme deines Körpers. Ich vermisse deine Küsse, mit denen du mich mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf reißt. Es ist doch nur eine Nacht, wiederhole ich immer und immer wieder, bis ich einschlafe. Plötzlich weckt mich ein Geräusch. Es ist Mitternacht, jemand klingelt an meiner Tür.

Selbst eine einzige Nacht kann zu lang sein.

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Liebe ist…

 

 

Liebe ist….

… wenn man auf den anderen wartet, obwohl man nicht sicher ist, ob der andere jemals ankommen wird. Wenn man den anderen nicht loslässt, ihn hält, auch wenn eigentlich keine Hoffnung auf eine echte Bindung besteht. Wenn man daran glaubt, dass eines Tages doch noch alles gut wird. Wenn man einfach nicht aufhört, mit dem anderen zu träumen, auch wenn diese Träume vielleicht doch nur Schäume sind.

Liebe ist…

… wenn man jede gemeinsame Minute genießt und jeder Abschied schmerzt. Wenn sich keine dieser Minuten verschwendet anfühlt, auch wenn man einfach nur schweigend beeinander sitzt. Wenn ein einziger Kuss genügt, um sich gegenseitig glücklich zu machen. Wenn man sich fast schon verzweifelt liebt, weil das nächste Mal ungewiss ist.

Liebe ist…

… wenn man sich Mut macht. Wenn man den anderen unterstützt. Wenn man dem anderen einen Haustürschlüssel gibt, auch wenn man weiß, dass der andere ihn vielleicht nie benutzen wird. Wenn man dem anderen einen warmen Unterschlupf anbietet, damit er nie im Regen stehen muss. Wenn man für den anderen eine Zahnbürste und Hausschuhe kauft. Wenn man die Rufe des anderen niemals ignoriert und man ihm nie das Gefühl gibt, zu stören.

Liebe ist…

… wenn man dann zur Stelle ist, wenn der andere es braucht. Wenn man sein kaltes, leeres Zuhause mit Wärme füllt, durch eine kleine Kerze, einen heißen Kaffee oder einfach nur durch Dasein. Wenn man mit ihm Kisten schleppt, Betten zusammenschraubt und dem anderen in keiner Minute das Gefühl gibt, allein zu sein.

Liebe ist…

… wenn man sich nach all dem, was man miteinander durchgemacht hat, immer noch mag.

 

 

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Sun’n Sea

Sun’n Sea betrachtete sich im Spiegel. Ihr Haut hatte einen goldbraunen Schimmer angenommen, die kleinen Fältchen um ihre blauen Augen zeigten winzige letzte weiße Spuren. Seit zwei Monaten lebte sie nun am Meer, sie hatte sich so sehr danach gesehnt, die Gischt zu hören, die Gezeiten zu beobachten, dem Lachen der Möwen zu lauschen, das Salz und die Sonnencreme auf ihrer Haut zu riechen. Hier war sie nun, hatte ihr Leben einfach umgekrempelt und ihren eigentlichen Namen durcheinandergewirbelt. Aus der verfolgten Susanne war Sun’n Sea geworden. Die Sonne und die See. Sie wich von ihrem Spiegelbild ab, stieg die kleinen Stufen empor und legte sich an Deck. Die Sonne brannte in ihrem Gesicht, auf ihrem Körper, in ihrem Nabel. Nur die Meeresbrise machte die Mittelmeerhitze erträglich.

Sun’n Sea lauschte. Ob er wohl noch da draußen war? Angestrengt versuchte sie, das Plätschern der Wellen zu ignorieren. Nein, er war nicht mehr zu hören. Kein Hilferuf mehr, kein Fluchen, kein Gurgeln. Er hatte es nicht geschafft, dieses Mal nicht. Sie entspannte sich. Endlich war sie frei.

Das Meer: ihr Retter, sein Grab.

Fuchs im Glück

Ein frischer, grauer Morgen, der Wald roch nach seinem Holz. Unter den Stiefeln knirschten Rollsplit und der letzte Schnee. Der Enkel beobachtete seinen Großvater, blickte dann in den Wald hinein, glaubte, einen Pilz zu sehen. Nein, doch nur ein welkes, gelbes Blatt. Wieder sah er zum Großvater, der trotz seines schwachen Herzens aufrecht und beschwingt den steilen Forstweg hinauf stapfte. Sein Rücken war von einem grünen Rucksack bedeckt, sein Jagdgewehr, eine Bockflinte, lag geknickt über seiner Schulter. Fast zärtlich trippelten die alten Hände über den silbrig glänzenden Lauf. Der Großvater drehte sich um, zeigte seinem Enkel an, still zu sein und leise zu gehen. Dann tippte er sich an die Nase und raunte:

„Ich kann ihn schon riechen, den Fuchs.“

Vorsichtig schob er einige Äste beiseite und bahnte sich den Weg durch die Tannen zum Hochsitz. Er ließ seinen Enkel vorgehen, geschickt stieg der Bub die Leiter hinauf. Der Großvater folgte ihm schwer atmend, setzte sich mit einem Ächzen hin und packte einen Kanten Speck aus dem Rucksack. Er schnitt eine Scheibe davon ab und schmiss sie in hohem Bogen vom Hochsitz in den Wald.

„Für den Fuchs.“

Zwei Stunden vergingen, der Tag brach an und die Nebel lichteten sich. Der Enkel legte das Fernglas beiseite, sah zu seinem Großvater hinauf, dieser hatte die Augen geschlossen. Ein Rascheln ließ den Enkel aufmerksam werden, erneut nahm er das Fernglas auf und sah erst den roten Körper des Fuchses, dann seinen langen, buschigen Schweif.

„Großvater, der Fuchs!“

Doch der Großvater hörte ihn nicht mehr. Seine groben, schwieligen Hände lagen ruhig auf der Flinte, der alte Mann war still. Der Fuchs sah auf, kreuzte den Blick des erschrockenen Enkels und bedankte sich für sein Glück. Und den Speck.

 

Was für ein herrlich frischer Morgen,

überall Tröpfchen frischen Taus

möcht‘ mir nun zu Fressen besorgen,

vielleicht find ich ja eine Maus.

 

Seh ich richtig, kommt von unten

herauf vom Weg der Jägersmann?

Ach, er wandert wieder Stunden

den Weg hinauf zur alten Tann‘.

 

Auch der Bube ist dabei,

geht mit dem Opa auf die Pirsch.

Blind laufen sie an mir vorbei,

besser wär’s, sie jagten einen Hirsch.

 

Fuchs, du hast die Gans gestohlen,

gib sie wieder her.

das singt geheim der Jägermeister

Mit dem Schießgewehr.

 

Der Jäger denkt, er sei gewitzt,

mit der Flinte er da oben sitzt.

Mich ködern will er mit dem Speck,

sein Herz versagt… und ich bin weg!